Fachwissen? Total überbewertet!

Hallo? Erfahrung und Expertise sind doch die entscheidenden Fähigkeiten, um seinen Job wirklich gut zu machen? Expertentum hat Deutschland groß gemacht, das Land, nicht nur der Dichter und Denker, sondern auch der Ingenieure, der 1-erSchüler, der Masterstudiengänger mit Auszeichnung und summa cum was weiss ich alles. Und noch einen Leistungskurs hinterher, damit man auch ja vollgepumpt mit Wissen an seinen Traumjob gelangt. Und dann zeigen wir es den Markeetingfuzzis in Übersee, die nur Sprüche machen können.

Nicht gutes Marketing verkauft doch ein Produkt , sondern die Qualität. Richtig?

Steve Jobs, Marc Zuckerberg, Bill Gates, Michael Dell: alles Studienabbrecher, Nichtsnutze, ganz unten. Die Liste kann beliebig erweitert werden: Wolfgang Joop, Brad Pitt, Charles Darwin, Vincent van Gogh, Tolstoi, Grönemeyer, Stefan Raab,  … alles Studienabbrecher. Haben Sie es trotzdem zu was gebracht? Schon die Frage ist peinlich.

Was lehrt uns das? Fachwissen ist nicht alles. Natürlich ist es wichtig, um einen Job gut machen zu können. Aber auch in einem Vorstellungsgespräch geht es nicht nur um das „WAS ich kann“ sondern „WIE ich bin“. Wissen ist gut, aber kein Mehrwert mehr, sondern Voraussetzung. Und das „WIE“ hat die Großen groß gemacht und nicht der Leistungskurs.

HTML und JAVA programmieren können auch andere, das hilft vielleicht, um den Teamleader in der Softwareentwicklung zu überzeugen, weil der im gleichen Expertenmodus tickt. Und natürlich reicht es im Umkehrschluss auch nicht, nur eine positive Ausstrahlung zu haben, um den Job zu bekommen. Aber Fachabteilungen neigen in Deutschland leider immer noch zu oft dazu, diese Dinge nicht ernst genug zu nehmen. Da werden fachliche Prüfungen gemacht und wenn diese gut ausfallen, dann wird die Personalabteilung nicht weiter gefragt und erst einmal eingestellt. Der Job muss schnell besetzt werden, der Druck ist groß und dann schaun wir weiter. Der Eingestellte erliegt dabei dem Trugschluß, dass sein Marktwert riesig und er mit seinem Fachwissen die Sensation auf dem Planeten ist.

Erst in den nächsten Monaten merken dann beide Seiten, ob auch das „WIE“ zusammen passt. Dann sind andere Faktoren wichtig wie Vertrauenswürdigkeit, Umgang mit anderen, Teamfähigkeit, Authentizität, Aufnahmefähigkeit, Veränderungsbereitschaft, Eigenständigkeit, Selbstvermarktungstalent uvm – dann erst hab ich „gewonnen“ und werde langfristig Erfolg im Unternehmen haben können – vorausgesetzt die Eigenschaften, die jetzt nur Beispiele sind –  passen zur Unternehmenskultur.

Die Trennungsquote in der Probezeit ist dabei erstaunlich hoch, Untersuchungen des PAPE Labs in der Recruitingstudie 2017 haben ergeben, dass über ein Drittel aller Einstellungsentscheidungen im Nachhinein vom Management als falsch bewertet wurden. Und nicht selten eine Trennung in der Probezeit erfolgt.

Fazit: Drum prüfe auf beiden Seiten gut im Vorfeld, ob das WAS und das WIE auch wirklich zusammen passt.

UND: Die Dinge haben sich verändert. Was gestern wichtig war kann heute überholt sein. Die Digitalisierung schafft so schnell Anforderungsprofile, wie sie Qualifikationen nutzlos macht. Neue Geschäftsfelder entstehen und machen alte nutzlos, was gestern Bombe war ist heute ein Flop. Nur wer sich da anpasst mit seinen „weichen Faktoren“ wird überleben, Wissen allein genügt da nicht. Im Gegenteil: Wer lange in einem Gebiet tätig ist, riskiert einen Tunnelblick, neigt zur Selbstüberschätzung und ist weniger anpassungsfähig. Man muß also wachsam bleiben und immer noch stärker an seinen „soft skills“ arbeiten als an seinem Fachwissen. Denn das ist es, was am Ende entscheidend ist.

Und dazu gehört es auch, dass man schon im Studium mehr Praxiserfahrung sammelt als mehr Fachwissen, um sich selbst besser kennen zu lernen und sich in seinen Persönlichkeitsmustern weiter zu entwickeln.

Und weiterhin ist es wichtig, sich nicht „in die Tasche“ zu lügen bei einem Bewerbungsgespräch und zu unkritisch mit diesen WIE-Themen umzugehen. Sonst gibt es später ein böses Erwachen und das ist für die eigene Karriere und das Bild, das man hier zeichnet – nicht förderlich und vor allem wenig erfolgreich und noch weniger zufriedenstellend für einen selbst.

VON: Christian PAPE, 16.9.2017