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    Sind wir mitten in der Homeoffice-Revolution?

    Sind wir mitten in der Homeoffice-Revolution?

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    Reinhard Potzner, Personalberater

    von Reinhard Potzner, Personalberater und Senior Partner bei PAPE

    Reinhard Potzner, 11.05.2020

    Deutschland – und jedes andere Land, in dem sich das Coronavirus ausgebreitet hat – steckt mitten in einem riesigen, unfreiwilligen, improvisierten Homeoffice-Experiment. Viele Unternehmen stehen gerade vor der Wahl, Mitarbeiter entweder von zuhause aus oder gar nicht arbeiten zu lassen. So wurden die Firmen derzeit, ob sie wollen oder nicht, auf die Vorteile der Heimarbeit gestoßen. Schätzungen zufolge arbeiten 25 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland momentan im Homeoffice – etwa doppelt so viele wie vor der Krise.

    Was heißt das aber jetzt für alle, die zumindest theoretisch von zuhause arbeiten können, für die Zeit nach dem Virus? Klappen wir einfach unsere Laptops zu und gehen zurück ins Büro? Oder zeigen die nächsten Wochen und Monate, dass das Homeoffice funktioniert – und wir bleiben einfach gleich zuhause?

    Man hat mittlerweile erkannt, dass E-Mails vielfach zeitfressende, ineffiziente Meetings ersetzen können, Videokonferenzen Geschäftstermine, zu denen man morgens hin jettet und abends wieder zurück. Diese Erkenntnisse werden hängenbleiben und dazu führen, dass Unternehmen sich stärker aufs Von-zuhause-Arbeiten einstellen. 

    Laut einer Studie des Deutschem Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem Jahr 2016 hätten 4 von10 Arbeitnehmern schon damals von zu Hause aus arbeiten können. Viele durften aber nicht. Die größte Befürchtung der Chefs war, dass die Menschen von zuhause aus eine geringere Leistung bringen würden, auch wenn schon vor Corona verschiedene Studien gezeigt hatten, dass die Sorge meist unberechtigt ist. 

    Das erzwungene Homeoffice durch Corona ist sicher eine Chance für mehr Akzeptanz durch die Arbeitgeber. Es läuft doch! Auch, weil man in Windeseile die technischen Voraussetzungen geschaffen hat. Allerdings sehen das beileibe nicht alle Arbeitnehmer so. Arbeitszeiten zuhause verschwimmen, die Arbeit wird entgrenzt. Wegen der Kinderbetreuung untertags hängt man halt abends die eine oder andere Stunde dran. Bereits 2014 arbeiteten Heimarbeiter im Schnitt drei Stunden länger in der Woche als ihre Kollegen im Büro. Die psychische Belastung und Erschöpfung von Heimarbeitern ist ebenfalls meist deutlich höher. 

    Man benötigt eine klare Tagesstruktur und, wo möglich, eine räumliche Abgrenzung. Viele Arbeitnehmer dürften den Alltag mit festem Arbeitsbeginn und Feierabend wieder herbeisehnen und hoffen, dass Arbeitgeber nicht zu viel Gefallen an Homeoffice gefunden haben. 

    Die SPD sieht die Umstellung vieler Firmen aufs Homeoffice während der Corona-Krise als „Errungenschaft“, die auch nach Ende der Pandemie bewahrt werden sollte. „Ich arbeite an einem neuen Gesetz für ein Recht auf Homeoffice, das ich bis Herbst vorlegen werde. Jeder, der möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, soll im Homeoffice arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei ist“, sagte Arbeitsminister Hubertus Heil der Bild am Sonntag. Beschäftigte sollen dann „entweder komplett auf Homeoffice umsteigen (dürfen) oder auch nur für ein oder zwei Tage die Woche“, sagte Heil. Mit „fairen Regeln“ will Heil verhindern, dass „sich die Arbeit zu sehr ins Private frisst“. Auch im Homeoffice gebe es einen Feierabend – „und zwar nicht erst um 22 Uhr“. Heimarbeit soll für die Arbeitnehmer eine freiwillige Möglichkeit sein. „Wir wollen mehr Homeoffice ermöglichen, aber nicht erzwingen“, sagte Heil. 

    Auch die Grünenfraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt unterstützt Heils Pläne. „Es ist längst an der Zeit, dass aus dem Privileg, das bisher nur für wenige gilt, ein Anspruch auf Homeoffice für viele wird“, sagte sie. Damit Arbeiten von zu Hause technisch reibungslos möglich sei, brauche es endlich auch einen Rechtsanspruch auf schnelles Internet.

    Die Arbeitgeber dagegen lehnen einen Rechtsanspruch auf Homeoffice ab. Der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Steffen Kampeter, meint, es sei im Interesse von Arbeitgebern und Beschäftigten gleichermaßen, mobiles Arbeiten dort einzusetzen, wo es möglich und sinnvoll sei. Dabei müssten betriebliche Belange und die Wünsche der Kunden eine zentrale Rolle spielen. Mit Homeoffice allein könne die Wirtschaft nicht am Laufen gehalten werden.

    Ein Fallbeispiel aus China scheint das zu bekräftigen. Die Reiseagentur CTrip hat dort vor ein paar Jahren einigen Call-Center-Mitarbeitern erlaubt, von zuhause zu arbeiten. Ökonomen fanden heraus: Sie waren zufriedener, produktiver – und haben dem Unternehmen Geld gespart, weil es weniger Büroflächen brauchte. Das Experiment war so ein Erfolg, dass das Management es direkt auf die ganze Belegschaft ausgeweitet hat. Dabei zeigte sich allerdings, dass nicht jeder mit dem Arbeiten von zuhause klarkommt. Einige mögen eine Aufgabe nach der anderen erledigt bekommen, während sie gemütlich auf der Couch liegen und hinter sich nicht dauernd den prüfenden Blick des Chefs vermuten müssen. Andere fühlen sich alleine gelassen, sind frustriert und kommen damit nicht klar. Tatsächlich war Einsamkeit der Hauptgrund derer, für die das Homeoffice nichts war.

    Das ist auch hierzulande durchaus verständlich. Viele Menschen vermissen den direkten persönlichen Austausch mit ihren Kollegen. Man kommuniziert natürlich ständig über E-Mail, Nachrichten, Telefonanrufe – trinkt sogar ein Feierabendbier per Videochat. Aber es entsteht einfach nicht dieselbe spontane Vertrautheit und Kreativität, die die gemeinsame Zeit im Büro bedeuten kann.

    Die Lösung muss also künftig sein, im richtigen Moment am richtigen Ort zu arbeiten. Verschiedene Arbeitsumgebungen sind für verschiedene Aufgaben mehr oder weniger gut geeignet. Ganz konkret kann das bedeuten, Mitarbeiter erledigen Einzelaufgaben, die viel Konzentration erfordern, von zuhause aus. Für Projekte, an denen sie im Team arbeiten, kommen sie ins Büro. 

    In diese Richtung hat sich die Arbeitswelt ohnehin schon ein Stück weit entwickelt. Aber das Coronavirus hat diesen Prozess noch deutlich beschleunigt. Wenn man aktuell viele Digitalmeetings abhält, kommt man auch darauf, wie viel toller und kreativer ein wirklicher Schaffensprozess in einem analogen Meeting ist. 

    Das Coronavirus wird also wohl tatsächlich verändern, wie wir arbeiten. Unternehmen werden das zunehmend erkennen und sich entsprechend anpassen, denn wenn sie eine solche Krise überstehen, während ihre Mitarbeiter zuhause sind, sollte das in normaleren Zeiten ja wohl auch kein Problem sein.